Ein 92-jähriger Passagier stirbt, Dutzende weitere erkranken schwer. Im französischen Bordeaux wurde das britische Kreuzfahrtschiff „Ambition“ in dieser Woche unter strenge Quarantäne gestellt. Der Vorfall wirft ein grelles Licht auf die Verwundbarkeit der Kreuzfahrtindustrie gegenüber hochansteckenden Viren und weckt bittere Erinnerungen.
Es sollte eine entspannte zweiwöchige Reise entlang der malerischen Küsten Frankreichs und Spaniens werden. Doch für die mehr als 1.700 Passagiere und Besatzungsmitglieder an Bord der „Ambition“ endete die Fahrt vorerst in einer strengen Quarantäne im Hafen von Bordeaux. Französische Gesundheitsbehörden verhängten ein striktes Aussteigeverbot, nachdem ein Passagier verstorben war und sich eine hochgradig ansteckende Magen-Darm-Erkrankung auf dem Schiff rasend schnell ausbreitete.
Der Auslöser: Ein tragischer Todesfall
Die Reise des zur britischen Ambassador Cruise Line gehörenden Schiffes begann am 6. Mai auf den Shetlandinseln, mit weiteren Stopps in Belfast und Liverpool. Bereits kurz nach dem Zustieg der Gäste in Liverpool verzeichnete der Schiffsarzt einen rasanten Anstieg an Patienten mit akuten Magen-Darm-Beschwerden. Etwa 50 Personen klagten über plötzliches Erbrechen, starken Durchfall und Fieber.
Die Lage eskalierte am Montag, dem 10. Mai, als ein 92-jähriger britischer Passagier an Bord einen Herzstillstand erlitt und verstarb. Obwohl die Behörden und die Reederei später betonten, dass der Mann zuvor keine gastrointestinalen Symptome gemeldet hatte und sein Tod nach derzeitigem Stand nicht direkt auf das Virus zurückzuführen ist, löste der Vorfall höchste Alarmbereitschaft aus. In der medizinischen Fachliteratur ist bekannt, dass schwere Virusinfektionen bei älteren Menschen das Herz-Kreislauf-System massiv belasten können.
Die Reaktion der Behörden: Isolierung auf See
Als die „Ambition“ am Dienstagabend in Bordeaux anlegte, warteten die französischen Gesundheitsbehörden der ARS Nouvelle-Aquitaine bereits. Mitten in der Nacht, gegen 2:00 Uhr morgens, wurde ein medizinisches Team eines Universitätskrankenhauses zum Schiff entsandt, um Patientenakten zu prüfen und Proben zu entnehmen.
Der Kapitän hatte die betroffenen Passagiere bereits in ihren Kabinen isoliert. Dennoch griffen die Behörden hart durch: Niemand durfte das Schiff verlassen, sämtliche Landausflüge wurden sofort storniert. Die Reederei intensivierte daraufhin ihre ohnehin strengen Hygieneprotokolle, desinfizierte öffentliche Bereiche ununterbrochen und stellte die Selbstbedienung in den Restaurants ein.
Die Geister der Vergangenheit: Warum Frankreich so hart durchgriff
Die extrem vorsichtige Reaktion der französischen Behörden lässt sich nur im Kontext eines anderen, weitaus tödlicheren Vorfalls erklären, der Europa derzeit in Atem hält. Nur wenige Tage zuvor mussten Passagiere des Kreuzfahrtschiffes „MV Hondius“ evakuiert werden, nachdem dort ein seltener und extrem gefährlicher Hantavirus-Ausbruch drei Menschenleben gefordert hatte.
Eine französische Patientin, die sich auf der „Hondius“ infiziert hatte, ringt derzeit in einem Pariser Krankenhaus an einer künstlichen Lunge um ihr Leben. Die Gesundheitsbehörden in ganz Europa, einschließlich der Weltgesundheitsorganisation (WHO), sind deshalb in höchster Alarmbereitschaft. Obwohl schnell klargestellt wurde, dass es keine direkte Verbindung zwischen der „Ambition“ und dem Hantavirus-Ausbruch auf der „Hondius“ gibt, war das Risiko für die Hafenstadt Bordeaux schlichtweg zu groß, um Ausnahmen zuzulassen.
Zynismus im Netz: „Was ist los mit Kreuzfahrten und Viren?“
Während die Passagiere in ihren Kabinen ausharren mussten, verbreitete sich die Nachricht über internationale Medienkanäle wie die Daily Mail wie ein Lauffeuer. In den sozialen Netzwerken entlud sich eine Mischung aus Besorgnis und beißendem Spott.
Auf Plattformen wie TikTok und Instagram sammelten Beiträge mit Schlagzeilen wie „Hunderte auf Kreuzfahrt festgehalten, nachdem ein Passagier stirbt“ innerhalb von Stunden zehntausende Likes. Nutzer kommentierten zynisch: „Was ist eigentlich los mit Kreuzfahrten und Viren?“ und teilten Memes, auf denen riesige Hände Kreuzfahrtschiffe unter Wasser drücken – eine bittere digitale Aufarbeitung der Tatsache, dass schwimmende Luxushotels immer wieder zu Petrischalen für Infektionskrankheiten werden. Tatsächlich verzeichneten allein die US-Gesundheitsbehörden im vergangenen Jahr 23 große Ausbrüche von Magen-Darm-Erkrankungen auf Kreuzfahrtschiffen.